Unter Leitung des bewährten Bühnenprojekt-Trios Iris Limbarth (Inszenierung, Projektleitung), Julia Felthaus (Choreografie, Regie) und Jason Weaver (musikalische Leitung), deren hohe Professionalität Freilichtbühnenbesucher schon seit Jahren schätzen, ist mit „I Love You, You’re Perfect, Now Change“ auch 2017 ein Juwel musikalischer und schauspielerischer Glanzleistung entstanden. Ein Mosaik aus 20 Episoden verdichtet streiflichtartig Beziehungsgeflechte zwischen Frau und Mann zu einer farbenfrohen Revue.

 

Schrilles Rampenlicht

 

Unscheinbares gerät ins schrille Rampenlicht, Verhaltensstereotype werden entlarvt, der Blick hinter die Gesichtsfassaden offenbart aber auch menschliche Tiefe. Kaleidoskopartig entstehen immer wieder neue facettenreiche Bilder, deren Zusammenhang sich dem Zuschauer allmählich erschließt. Die 60 (!) verschiedenen Charaktere in immer wieder neuen Gruppierungen verlangten von den sechs jungen Schülerinnen und Schülern der Musikschule außerordentliche Wandlungsfähigkeit, nicht nur im rasanten Kostüm- und damit Rollenwechsel, sondern vor allem mimisch und stimmlich.

Kerstin Röttgers, Meike Roth und Lynn Thater gelang dies ebenso grandios wie Brian Lüken, Kai Rupek und Markus Bucher. Bühnenpräsenz, Ausdrucksstärke ihres Spiels mit bühnenfüllender Choreografie, Lebendigkeit der Mimik, feine Nuancierung und enorme Dynamik ihrer gesanglichen Stärke zeugten bei allen sechs von erstaunlicher Ausgereiftheit. Einander ebenbürtig in musikalischem Fingerspitzengefühl, sensibler Dramatik und pointierter Diktion, überzeugten sie solistisch wie als Ensemble. Quotenheischender Seelenstriptease und Ausverkauf bloßgestellter Sehnsüchte bis hin zur mit der Pistole erzwungenen Heirat unvereinbar gegensätzlicher Kandidaten entlarvten immer wieder die Skrupellosigkeit von TV-Shows, die vorgaukeln, Liebesbeziehungen stiften zu können.

Macho-Macken und Tussi-Gehabe prallten in unterschiedlichsten Situationen aufeinander, sei es in „ungestörter“ Sofa-Kino-Atmosphäre einer Fußballübertragung, sei es, dass Kinoromantik den „ganzen Kerl“ tränenreich in die Knie zwingt. Schnelllebigkeit und stereotyper Ablauf ließen die Schritte Date – Verabredung – Kennenlernen – Sex – Gewohnheit als überspringbar erscheinen, man widmete sich direkt dem unweigerlichen ersten Krach, um sich zu trennen.

Lasagne, Wein und Kondome wurden zu gleichermaßen banalen Zutaten, brisante Spannungsmomente zwischen schönem Schein und nackter Wahrheit gingen unter die Haut.

 

Zumutung für die Eltern

 

Die Trennung des Sohnes von seiner Freundin wurde nicht als menschliches Problem der Betroffenen, sondern als gesellschaftliche Zumutung für die Eltern erlebt. Kein Satz, der nicht abgedroschen genug war, als dass er hier nicht seine Pfeilspitzen in die Gemüter bohren konnte. Von Szene zu Szene wurde aus herausgeputzten Flirtenden zunächst ein junges Ehepaar, dessen Tunnelblick nur noch den überbehüteten Nachwuchs fokussierte. Später erschien das Paarleben als müdes Sofa-Rumhängen mit verknautschten Hausanzügen und ebensolchen Gesichtern, die sich dann doch noch an ein Sexleben erinnern konnten, aber von nicht schlafen wollenden Kindern daran gehindert wurden. Der haushaltsbesessenen Familienmutter und nervigen Beifahrerin beim Familienausflug folgte das Resümee einer langen Ehe beim Zeitungsfrühstück, dessen Liebesbekenntnis ungehört verhallte. Zutiefst beeindruckend: die sich zaghaft annähernde Begegnung eines Witwers und einer Witwe bei einer Beerdigung – gemeinsam einsam. Der Epilog schloss den Kreis zur Anfangsszene des Schöpfungsaktes.

 

Liveband

 

Während Helgard Classen-Seifert für die ausdrucksvolle Kostümierung gesorgt hatte, lag der Ton bei Lars Fitzner, die effektvoll unterstreichende Lichttechnik bei Mano Franke, Niklas Beerentzen und Holger Kaßburg in guten Händen. Auf der Videowand kommentierte Lennart Müller mit passenden „alten“ Fotos. Die Liveband im Hintergrund war alles andere als nur stimmungsvolle Untermalung, dem satten Sound von Michael Schrants Schlagzeug und dem Bass von Michael Bohn stand nicht nur in einem scherzhaft verträumten Solo der gesangliche Part der Violine von Hiltrud Kummer gegenüber. Am E-Piano führte Jason Weaver selbst. Aber auch totale Stille „spielte“ beim Bühnengeschehen mit.

Wie die Akteure in Zusammenarbeit von Musikschule und Freilichtbühnenexperten „ I Love You, You’re Perfect, Now Change“ auf die Bühne gebracht haben, kommentiert man am treffendsten mit: „We love it, You are Perfect, Don’t Change!“

Weitere Eindrücke des Musicals vermittelt unsere Fotostrecke auf www.noz.de/meppen

Quelle: Meppener Tagespost, den 14.01.2017