Erwartungsvoll und gespannt blickten die vielen Kinderaugen auf den roten Vorhang des Theaters. Am seitlichen Bühnenrand schlief eine Gestalt in zerlumptem Frack, bis ein lauter Schlagzeugtusch aus dem Orchestergraben nicht nur diese aufschreckte: „Pianist Fridolin Fingerflink“ (Markus Neumayer) rappelte sich vom Boden auf und leitete sodann mit allerhand Scherzen die Vorstellung kindgerecht ein.

Das Sinfonieorchester unter der Leitung von Martin Nieswandt erbrachte eine Klangleistung, die absolut professionell herüberkam; dabei sind die Gegebenheiten eines Orchestergrabens für die zumeist jungen Spieler alles andere als Alltagserfahrung. Umso bemerkenswerter war das perfekte Zusammenspiel zwischen Orchester im Untergrund und Pianist und Gesangssolisten auf der Bühne.

Unter der Regie von Otto Mayr ist nach Humperdincks Oper ein Singspiel entstanden, das sich unverstaubt neu und dabei doch musikalisch authentisch in die Herzen der jungen Zuschauer spielte. Melodien wie „Ein Männlein steht im Walde“, „Brüderchen, komm, tanz mit mir“ und vor allem auch der „Abendsegen“ von den 14 behütenden Engeln haben nichts von ihrem Zauber verloren.

Lebendige Mimik

 

Die leicht gekürzte Fassung, deren Zwischentexte in Reimform gesetzt waren, überforderte die Konzentrationsfähigkeit der Kinder auch ohne Pause nicht, sondern hielt den Spannungsfaden. Die frischen strahlenden Sopranstimmen von Jana Degebrodt als Hänsel und Ingrid El Sigai als Gretel, die spielerische Leichtigkeit und lebendige Mimik nahmen die Kinder mit; diese warnten lautstark, als sich die dämonische Hexe näherte. Wolfgang Vetter zog hier spielerisch wie stimmlich alle Register und überzeugte nicht minder als besorgter Vater, dessen Dankbarkeit für die Errettung seiner Kinder im „Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott, der Herr, die Hand uns reicht“ als Botschaft des Märchens begreifbar wurde.

Gutgläubigkeit und verführerische List, Vertrauen und Vertrauensmissbrauch, Mut, kluges Handeln, Zusammenhalten und Gottvertrauen gegen Gefahr und Grausamkeit wurden, von der Musik transportiert, für die jungen Theaterbesucher hautnah fühlbar. Dabei fehlte es nicht an belebenden Elementen wie rockig getanzten Einlagen oder einem Auftritt der Monsterhexe auf einem Motorrad. Bei alldem begleitete umschmeichelnd eine Katze (Ester Himmighopper) die Kinder, die dann auch mithalf, die Hexe statt Gretel in den Ofen zu befördern. Stets mit dabei: der Rabe, in den die Hexe den Pianisten verwandelt hatte, als dieser sich ins Geschehen einmischte.

Die Strahlkraft der Humperdinck-Musik, gepaart mit fetzig-neuen Klängen, eine Bühnenwelt liebevoll detailliert gestalteter Kulissen und fantasievoller Kostüme sowie die sängerische und spielerische Leistung der Künstler machten aus einem alten Märchen ein Erlebnis mit Aussagekraft: Das Ganze als kurzes Singspiel mit Texten und Noten für das Ausprobieren im Unterricht, ergänzt mit ein bisschen erklärender Operntheorie und verschiedenen Rätselspielen rund um „Hänsel und Gretel“. So wirkt das Musikerlebnis über die Aufführung hinaus.

Mehr Fotos von der Aufführung finden Sie im Internet auf noz.de/meppen

Quelle: Meppener Tagespost, 31.03.2017