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Max und Moritz - von Mozart bis Morricone in Meppen

Das sieht nicht gut aus für Max und Moritz – gefangen in den Mehlsäcken des Müllers, erwartet sie das Mahlwerk.Foto: Petra Heidemann

 

Wenn Unartiges Großartiges wird, Zeitloses lebendig und ein 140 Jahre altes Kinderbuch zum kindgerecht fesselnden Opernerlebnis – dann haben die Kleine Oper Bad Homburg und 45 Musiker des Sinfonieorchesters der Musikschule Meppen Kinderohren und -herzen wahrlich neue Zugänge zu alter Kunst geöffnet.

Kurzweilig, quicklebendig, fantasievoll bunt und von hoher musikalischer Qualität getragen, entfaltete sich Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ unverstaubt auf der Meppener Theaterbühne als Augen- und Ohrenschmaus. Geschickt verteilten sich Buschs Originalverse auf Dialoge und die Handlung voranbringende Erzählbegleitung, dabei durchaus zeitgemäß ergänzt. So begrüßte Lehrer Lämpel die Zuschauer in Reimform, dem Stile des Dichters nachempfunden, und agierte nicht nur als Tabakspfeifenopfer, sondern vom Konzertflügel aus führte er im direkten Zuschauerkontakt allgegenwärtig durch das Geschehen. Kommentierende Mimik, klar verständliche Sprache und faszinierende Spielfreude zeichneten aber nicht nur den Konzertpianisten Markus Neumeyer in seiner Durch-und-durch-Lehrer-Rolle aus, sondern waren auch Markenzeichen für das Ensemble insgesamt.

Bariton Christoph Kögels schauspielerisches Können war in gleich fünf Rollen (Witwe Bolte, Meister Böck, Onkel Fritz, Bäcker und Bauer Mecke) gefragt, die er sehr wohl entsprechend unterschiedlich und überzeugend anzulegen wusste. Moritz Bauer als die Untaten der beiden Tunichtgute Max und Moritz bekämpfender Müller sprang auch als den unterkühlten Bauch des Schneiders bügelnde Witwe Bolte ein, denn in dieser Szene konnte Christoph Kögel schließlich nicht beide Rollen übernehmen. Der glasklare Sopran von Ingrid El Sigai gab Moritz die entsprechende Pfiffigkeit und kontrastierte und harmonisierte bestens mit dem warmen, Raum gebenden Mezzosopran von Dzuna Kalnina in der Rolle des immer gern einen Schritt dahinter agierenden Max.

Geniales Konzept

Nicht nur den Gesangssolisten forderte das geniale musikalische Konzept ein Höchstmaß an Flexibilität und Konzentration ab, sondern auch dem beeindruckenden orchestralen Klangkörper unter dem Dirigat von Musikschuldirektor Martin Nieswandt. So eröffnete Bizets „Carmen“, erklang Beethovens Schicksalsmotiv als „Putt, putt, putt“-Hühnermotiv, erschien Witwe Bolte unter „Tralalera“-Klängen, die mit „Ach, ich hab sie ja nur“-Begleitung ihrer Hühnertrauer Ausdruck verlieh und mit „Wiener Blut“-Schwung dem Lehrer „Sauerkraut, Hühnerbein“ schmackhaft machte. „Auf in den Kampf“ aus Bizets Carmen führte in den Kampf gegen Max und Moritz, die sich längst gegen den Schneider aufgemacht hatten. Sein Schicksal lag musikalisch zwischen Mozarts „Papageno“ und Lortzings Holzschuhtanz. In der Schule, wo die Lausbuben Buschs Verse in ihr Gegenteil verkehrten, ging es musikalisch eher rockig zu, und „Ja, das Schreiben und das Lesen“ (Der Zigeunerbaron) bot sich geradezu an. In rasanter Choreografie zum Bigband-Sound à la James Bond ging es zum Streich der explodierenden Pfeife.

Kampf gegen Maikäfer

Onkel Fritzes Kampf gegen die Maikäfer endete nicht etwa mit Nachtruhe, sondern unter Humperdincks Abendsegen setzten Max und Moritz Tüten knallend noch einen drauf. Beim Bäcker wurde es allerdings brenzlig statt brezlig, doch sie knabberten sich durch ihre Brotkruste noch einmal ins Freie. Mit dramatischen „Don Giovanni“-Klängen kündigte sich der letzte Streich in der Mühle an. Doch das befürchtete Ende als geschrotetes Hühnerfutter wurde pädagogisch umgewandelt in eine wilde Sackkarrenfahrt unter Cancan-Begleitung. Dann war’s „vorbei mit der Übeltäterei“, und der Abgesang „Max und Moritz“ ging auf in Händels Halleluja. Strahlende Kindergesichter bezeugten: So aufgearbeitet, kommt der Kinderbuch-Bestseller von einst noch immer an, und das damit verschmolzene musikalische Kaleidoskop von Bizet bis Weber erschien keinesfalls als zusammengewürfelt, sondern erwies sich in seiner spannungsvoll kommentierenden Geschlossenheit tatsächlich als vortrefflich geeigneter, fröhlicher Türöffner in die Welt der Klassik.

Quelle: Meppener Tagespost, den 02.04.2019

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